Angesichts anhaltend hoher Baubedarfe und eines spürbaren Mangels an Fachkräften gerät die Produktivität im deutschen Baugewerbe zunehmend in den Fokus. Eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung verdeutlicht nun erhebliche Leistungsreserven innerhalb der Branche. Würden weniger produktive Betriebe zu dem Niveau vergleichbarer Unternehmen aufschließen, ließe sich die reale Bauleistung ohne Neueinstellungen um rund zwölf Prozent steigern.
Die Studienautoren Martin Gornig und Alexander Schiersch analysierten hierfür die Entwicklung der Bruttowertschöpfung nach Sparten und Betriebsgrößen seit dem Jahr 2010. Dabei zeigt sich ein struktureller Abwärtstrend: Im Jahr 2025 lag die Arbeitsproduktivität im Baugewerbe um nahezu 30 Prozent unter dem Niveau von 2010. Dieser Rückgang betrifft sämtliche Teilbranchen und Unternehmensgrößen gleichermaßen, während die Produktivität in der Gesamtwirtschaft sowie im verarbeitenden Gewerbe im selben Zeitraum zulegte. Verschärft wurde diese Entwicklung durch die Folgen der Corona-Pandemie sowie den Zins- und Kostenschock im Zuge des Ukraine-Kriegs.
Leistungsunterschiede und rechnerische Reserven
Auf Basis anonymisierter Unternehmensdaten für das Jahr 2022 ermittelten die Wirtschaftsforscher gravierende Differenzen selbst zwischen Betrieben identischer Größe und Ausrichtung. Eine Anhebung der unterdurchschnittlich wirtschaftenden Betriebe auf das jeweilige Medianniveau ihrer Vergleichsgruppe würde rein rechnerisch der Arbeitsleistung von knapp 350.000 zusätzlichen Vollzeitkräften entsprechen.
Besonders ausgeprägt sind die Streuungen im Bereich kleinerer Unternehmen, die in einzelnen Bausparten einen Anteil von rund 70 Prozent ausmachen. Wie Alexander Schiersch darlegt, existieren in jedem Segment kleine Marktteilnehmer, die über eine hohe Produktivität verfügen und mit Großunternehmen Schritt halten können. Ein wesentlicher Schlüssel für die Schließung dieser Effizienzlücke liegt daher im Transfer praxiserprobter Verfahren innerhalb der Branche.
Hebel für Modernisierung und öffentliche Rahmenbedingungen
Um eine nachhaltige Trendwende herbeizuführen, mahnt Martin Gornig den schnelleren und flächendeckenden Einsatz bereits verfügbarer Technologien an. Alexander Schiersch regt zudem an, den Einsatz von Robotik auf Baustellen neu zu bewerten: Werden Maschinen durch robotergestützte Systeme ergänzt, ergäben sich substantielle Produktivitätsfortschritte. Flankierend sieht die Analyse auch bei öffentlichen Auftraggebern klare Handlungsmöglichkeiten.
- —Spürbare Reduzierung bürokratischer Nebenbelastungen für ausführende Unternehmen
- —Ausrichtung öffentlicher Vergabeverfahren an innovationsfreundlichen Kriterien
- —Gezielte Initiierung und Förderung technologieorientierter Pilotprojekte
Martin Gornig betont, dass die Bauwirtschaft ihre Kapazitäten zwingend über Produktivitätssteigerungen ausweiten müsse. Nur so lasse sich verhindern, dass geplante milliardenschwere Infrastrukturinvestitionen der öffentlichen Hand primär in Preissteigerungen anstatt in zusätzliches Bauvolumen münden.














