Künstliche Intelligenz (KI) hat in der Immobilienwirtschaft eine signifikante Präsenz erreicht. Eine gemeinsame Umfrage von aedifion und Rueckerconsult unter 35 Unternehmen der Branche zeigt auf, dass 86 Prozent der Befragten bereits KI-Anwendungen einsetzen. Von diesen Nutzern verwenden 90 Prozent generative Systeme wie ChatGPT, Claude, Gemini oder Perplexity. Die Ergebnisse dieser Erhebung wurden im Rahmen einer Online-Pressekonferenz unter dem Titel „KI im Realitätscheck – Wie weit ist die Immobilienwirtschaft?“ vorgestellt und diskutiert. Zu den Gesprächsteilnehmern zählten Dr.-Ing. Johannes Fütterer, CEO von aedifion, Prof. Dr. Kunibert Lennerts, Professor für Facility Management am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), sowie Thomas Wiese, Technischer Objektmanager bei B&L Property Management.
Trotz der breiten Adoption einzelner Anwendungen steht die systematische Integration von KI in Unternehmens- und Gebäudeprozesse vielerorts noch aus. Lediglich 27 Prozent der Unternehmen nutzen integrierte KI-Plattformen, die auf eigene Datenquellen zugreifen können. Die gegenwärtige Anwendung von KI konzentriert sich primär auf administrative Prozesse; 70 Prozent der KI-Nutzer setzen die Technologie in Bereichen wie Buchhaltung, Dokumentenmanagement oder Übersetzungen ein. Strategische Analysen, einschließlich Portfolioanalysen, Market Research und ESG-Reporting, werden von 60 Prozent der Nutzer mit KI unterstützt. Im Gegensatz dazu findet KI in der operativen Gebäudesteuerung, etwa für Energiemanagement, Predictive Maintenance oder Anlagenregelung, bislang nur bei 23 Prozent der Anwender Verwendung.
Dr.-Ing. Johannes Fütterer von aedifion betonte, dass die aktuelle Readiness der Branche noch sehr unterschiedlich ausgeprägt sei, das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Prozess- und Geschäftsmodelländerungen jedoch erheblich gewachsen ist. Insbesondere im Asset- und Property-Management sieht er ein großes Potenzial zur Effizienzsteigerung durch die Strukturierung von Daten und die intelligente Verknüpfung von Systemen, da ein erheblicher Teil der täglichen Arbeit im Informations- und Datenaustausch besteht. Die Befragten bestätigen den konkreten Nutzen von KI: 90 Prozent berichten von messbarer Zeitersparnis, 43 Prozent konnten Kosten senken und jeweils 30 Prozent nennen eine bessere Datenqualität und verbesserte Entscheidungsfindung als Vorteile. Neue Geschäftsmodelle oder Services entstanden durch KI erst bei 17 Prozent der Unternehmen.
Herausforderungen bei Datenverfügbarkeit und strategischer Integration
Prof. Dr. Kunibert Lennerts vom KIT weist darauf hin, dass die individuelle Zeitersparnis durch KI sich bisher nicht automatisch in effizientere Unternehmensprozesse übersetzt. Viele Nutzer vereinfachen ihre tägliche Arbeit durch Anwendungen wie ChatGPT, doch der nächste Schritt sei die Bereitstellung notwendiger Daten und die Veränderung von Organisationen, sodass KI ganze Prozesse optimiert. Erst dann könnten KI-Agenten strukturierte Aufgaben selbstständig übernehmen. Die Zielsetzung der Unternehmen untermauert den aktuellen Effizienzfokus: 90 Prozent der KI-Nutzer streben Ressourceneinsparungen an, 77 Prozent möchten bessere Analysen und Entscheidungsgrundlagen schaffen, und 67 Prozent zielen auf eine Steigerung der Leistungsqualität ab. Prozessautomatisierung wird von 50 Prozent genannt, Innovation und Ideenentwicklung von 43 Prozent.
Eine weitere Herausforderung stellt die Datengrundlage dar. Aktuell greifen Unternehmen bei KI-gestützten Prozessen primär auf Markt- und Transaktionsdaten (57 Prozent), öffentliche Quellen und Webdaten (53 Prozent) sowie interne Unternehmensdaten (50 Prozent) zurück. Gebäudenahe Daten werden deutlich seltener genutzt: Technische Betriebsdaten kommen bei 20 Prozent zum Einsatz, Sensor- sowie ESG- und Nachhaltigkeitsdaten jeweils bei 17 Prozent. Dennoch wird deren Bedeutung erkannt; 63 Prozent halten Echtzeit-Gebäudedaten für KI-gestützte Entscheidungen für wichtig oder sehr wichtig. Hierin liegt ein erhebliches, bislang weitgehend ungenutztes Potenzial, insbesondere für den Gebäudebetrieb. Erwartungen umfassen niedrigere Betriebskosten (63 Prozent), bessere Vermietbarkeit (60 Prozent), eine längere Lebensdauer technischer Anlagen (37 Prozent) und Wertsteigerungen (33 Prozent).
Thomas Wiese von B&L Property Management sieht im praktischen Einsatz noch Entwicklungsbedarf, insbesondere bei der Bereitstellung von Live-Daten aus den Objekten. Die manuelle Erfassung vieler Informationen aus Wartung, Prüfung oder Betrieb stellt einen hohen Aufwand dar. Hier könnte KI einen wesentlichen Beitrag zur Auswertung leisten, um schneller den Zustand eines Objekts, die Entwicklung von Energieverbräuchen und den Handlungsbedarf zu erkennen. Neben der Datenverfügbarkeit ist Governance eine entscheidende Voraussetzung für den nächsten Entwicklungsschritt. Zwar verfügen 40 Prozent der Unternehmen bereits über eine KI-Policy, und weitere 30 Prozent entwickeln solche Regeln, doch ein dezidiertes Budget für KI ist nur bei 27 Prozent vorhanden. Dies birgt das Risiko, dass Mitarbeitende bei fehlenden sicheren Unternehmenslösungen auf öffentlich zugängliche Anwendungen zurückgreifen und dabei sensible Daten verarbeiten.














