Das Brüsseler Hochhaus ZIN ist mit dem Internationalen Hochhaus Preis (IHP) 2026/27 als weltweit innovativstes Hochhaus ausgezeichnet worden. Der renommierte Architekturpreis, dotiert mit 50.000 Euro sowie einer Statuette des Künstlers Thomas Demand, wurde in der Frankfurter Paulskirche feierlich verliehen. Die Auszeichnung nahmen die Architekten Johan Anrys und Olivier Cavens von 51N4E, Alessandro Gess und Djamel Klouche von l´AUC sowie John und Loik Eyers von Jaspers-Eyers Architects gemeinsam mit Jean-Philip Vroninks für den Bauherrn Befimmo entgegen. Überreicht wurde die Ehrung durch Dr. Ina Hartwig, Dezernentin für Kultur und Wissenschaft der Stadt Frankfurt am Main, DekaBank-Vorständin Birgit Dietl-Benzin und Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums.
Zirkuläre Transformation statt Totalabbruch
Das Projekt im Brüsseler Nordquartier markiert einen grundlegenden Paradigmenwechsel im Hochhausbau, indem es Ressourcenschonung und Bestandserhalt vor einen vollständigen Abriss stellt. Die beiden vormaligen Türme des World Trade Center wurden nicht abgerissen, sondern bis auf ihre Erschließungskerne sowie die Untergeschosse zurückgebaut und in das neue Konzept integriert. Zwischen diese bestehenden Strukturen fügten die Planer einen neuen Baukörper mit doppelter Geschosshöhe ein, der die Hochhäuser horizontal wie vertikal miteinander verbindet. Bei den neu eingebrachten Materialien erreichte die Projektentwicklung eine Cradle-to-Cradle-Zertifizierung von 95 Prozent — ein geschlossener Materialkreislauf, der in dieser Größenordnung im europäischen Raum bisher unerreicht war.
Auf einer Fläche von 10.000 Quadratmetern bietet das ZIN ein intensiv verflochtenes Nutzungskonzept. Neben klassischen Büroflächen, die unter anderem als Sitz der flämischen Regierung dienen, umfasst der Komplex Appartements, ein Hotel, Einzelhandelsflächen sowie eine öffentlich zugängliche Sporthalle für lokale Vereine. Ein weitläufiger Dachgarten und ein von der Hotelgastronomie mitgenutztes Gewächshaus ergänzen das Raumprogramm. Auf diese Weise öffnet sich die Immobilie gezielt zur Stadtgesellschaft und belebt das vormals wenig attraktive Quartier auch außerhalb der regulären Bürozeiten.
Verantwortung für das urbane Umfeld
Die Jury unter dem Vorsitz des Vorjahressiegers Brian Yang setzte bei der zwölften Ausgabe des Wettbewerbs den inhaltlichen Schwerpunkt auf die urbane Verantwortung von Hochhäusern. Entscheidend war die Eigenschaft eines Bauwerks, als integrer Nachbar zu fungieren, den städtischen Kontext spürbar zu verbessern und über einen Zeithorizont von mindestens 15 Jahren hinweg Relevanz zu behalten. Reine Monofunktionalität und das bloße Zurschaustellen von Macht sollten zugunsten einer wandlungsfähigen Stadtteilentwicklung überwunden werden.
Das Gremium fällte seine Entscheidung für das Brüsseler Projekt einstimmig. Brian Yang erläuterte, dass das Gebäude durch seinen Transformationsprozess dauerhafte Qualität schaffe, das gesamte Viertel stärke und beispielhafte Übergänge zwischen öffentlichen und privaten Zonen vorweise. Peter Cachola Schmal betonte außerdem, dass das Vorhaben bewusst auf eine laute ikonische Geste verzichte und gerade durch diese Zurückhaltung eine außergewöhnliche städtebauliche Wirksamkeit entfalte.
- —Architektur: Arbeitsgemeinschaft aus 51N4E, l´AUC und Jaspers-Eyers Architects
- —Bauherr: Befimmo (vertreten durch Jean-Philip Vroninks)
- —Nachhaltigkeitsstandard: 95 Prozent Cradle-to-Cradle-Zertifizierung für neue Materialien
- —Nutzungsprofil: Büros (Sitz der flämischen Regierung), Wohnen, Hotel, Einzelhandel, Sporthalle und Dachgarten














