Die Verleihung der ICONIC AWARDS 2026 durch den German Design Council am 6. Oktober in der BMW Welt in München versammelte rund 500 internationale Fachleute, darunter Architekten, Designer, Hersteller, Bauherren und Projektentwickler. Im Rahmen der Veranstaltung wurden aktuelle Fragen der Architektur diskutiert und 45 Projekte mit der „Best of Best“-Auszeichnung geehrt. Fünf weitere Sonderpreise würdigten spezifische herausragende Positionen. Die Awards unterstreichen mit etwa 800 Einreichungen aus über 45 Ländern ihre internationale Bedeutung als zentrale Plattform für Architektur, Interior Design und Produktinnovation.
Die Keynote hielt Xu Tiantian von DnA_Design and Architecture, die als „Architects of the Year 2026“ ausgezeichnet wurde. Sie betonte, Architektur fungiere als Werkzeug für soziale und räumliche Entwicklung, basierend auf vorhandenen Materialien, der Landschaft und bestehenden sozialen Strukturen. Diese Haltung hat ihr Büro über Jahre in ländlichen Regionen Chinas erprobt. Eine zukunftsfähige Architektur ergibt sich demnach nicht mehr allein aus einer überzeugenden Form, sondern aus der Präzision, mit der Material, Konstruktion, Technik und gesellschaftliche Verantwortung zusammenwirken. Auffallend war hierbei der internationale Dialog, insbesondere zwischen Asien und Europa, der viele der prämierten Arbeiten prägte.
Haltung statt Stil: Herausforderungen als gestalterische Qualität
Lutz Dietzold, Geschäftsführer des German Design Council, erläuterte, die stärksten Projekte dieses Jahrgangs verbänden sich nicht über einen gemeinsamen Stil, sondern über eine gemeinsame Haltung. Sie entwickelten aus den realen Herausforderungen der Gegenwart eine neue gestalterische Qualität. Ein Panel mit dem Titel „The New Normal – What Can Architecture Do?“, moderiert von Jeanette Kunsmann und Jakob Schoof (Chefredaktion DETAIL), beleuchtete Architektur als soziale Praxis. Die Diskussionsteilnehmer Caroline Nagel (COBE), Luo Yujie (LUO Studio), Lutz Henke (visitBerlin), Scott Lloyd (TEN) und Étienne Feher (ABF-LAB) hoben hervor, dass Entwerfen heute primär Zuhören und die frühzeitige Einbindung von Nutzern bedeutet. Projekte, die als offene, forschende Prozesse verstanden werden, behalten ihre Relevanz, selbst bei komplexen Entscheidungen und Prozessänderungen.
Ein weiterer Schwerpunkt galt dem Gebäudebestand, dessen Wert sich oft erst bei genauerer Betrachtung offenbart, sowohl im Tragwerk als auch im Detail. Einigkeit bestand darin, wie entscheidend es ist, Bauherren die Potenziale der Transformation aufzuzeigen. Nur durch die Offenheit, der Bausubstanz eine neue Identität zu verleihen, kann Architektur ihre Geschichte mittragen. Als Beispiel hierfür diente das Berliner ICC, das, einst umstritten und vom Abriss bedroht, heute unter Denkmalschutz steht und durch kulturelle Formate neu entdeckt wird. Ein Ort wird somit ikonisch nicht allein durch seine Form, sondern durch die Prozesse und Menschen, die ihn beleben.
Vier prägende Entwicklungen des Jahrgangs 2026
- —Vom Material her denken: Eine Neubewertung vertrauter Baustoffe wie Lehm, Laubholz, Stroh und Ziegel, die konstruktiv und ökologisch neu qualifiziert werden. Die Forschungsstudie LaubÖkoLet etwa reduziert das Stützenvolumen um rund 20 Prozent und verbessert die CO₂-Bilanz gegenüber Stahlbeton um bis zu 65 Prozent.
- —Architektur als sozialer Möglichkeitsraum: Gebäude werden zunehmend danach beurteilt, welche Beziehungen sie ermöglichen. Beispiele wie das Dorfgemeinschaftshaus Flörsbachtal oder die Kafka Oasis in Wuhan demonstrieren die Schaffung von Treffpunkten und öffentlichen Aufenthaltsorten.
- —Gebaute Gastfreundschaft: Die Relevanz von Räumen, die das Miteinander fördern und Gemeinschaft stärken, etwa durch Kinderbibliotheken oder Jugendtreffs, entstand zusammen mit Jugendlichen.
Im Expert Talk „Interior Performance“, moderiert von Alexander Gutzmer, diskutierten Federico Ferretti (Haier Europe), Jung Jin Ho (Labotory), Ming Dang (Hong designworks) und Tobias Keyl (gmp Architekten) über die Energiefrage im Innenraum. Komfort, so eine der Thesen, bemisst sich nicht mehr an einem starren Temperaturkorridor, sondern an Tageslicht, Zugang zu Grünflächen und natürlicher Lüftung. Ein Hochhausprojekt in Guangzhou zeigte, wie traditionelle Klimastrategien wie Arkaden und Höfe in einen zeitgenössischen Turm übertragen werden können, sodass das Gebäude etwa zwei Drittel des Jahres ohne mechanische Lüftung auskommt. Die Leistung eines Innenraums ergibt sich aus dem Zusammenspiel aller Gestaltungsebenen, von der Gebäudehülle bis zum Produktdesign.
Der intensive Dialog zwischen Interior Design, Architektur und Produktentwicklung aus Korea, China, Deutschland und Italien verdeutlichte, wie Raumgestaltung und Produktdesign einander bedingen und international diskutiert werden müssen. Hierbei ging es darum, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, Lösungen gezielt weiterzuentwickeln und erfolgreiche Ansätze von der Mikro- auf die Makroebene zu übertragen. Der hohe Anteil des Holzbaus im aktuellen Jahrgang wurde durch Projekte wie die Bushaltestelle in Zürich von Holzhausen Zweifel Architekten und das ausgezeichnete M-Plaza der FidCap Gruppe sichtbar, die exemplarisch den vielseitigen Einsatz dieses Materials in verschiedenen Bauaufgaben aufzeigen.














