Der klassische Aufstieg zur Führungskraft verliert in der deutschen Wirtschaft zunehmend an Attraktivität. Die spezialisierte Personalberatung IMMOcareer beleuchtet diese Entwicklung in ihrer 19-seitigen Arbeitsmarkt- und Branchenanalyse mit dem Titel „Führung neu denken – Wenn Karriere zur Falle wird“. Die Untersuchung zeichnet das Bild einer Branche, in der steigende Anforderungen auf eine spürbar sinkende Bereitschaft treffen, Leitungsaufgaben zu übernehmen.
Laut einer in der Publikation ausgewerteten Beschäftigtenbefragung können sich lediglich 14 Prozent der Angestellten ohne Leitungsfunktion einen solchen Karriereschritt uneingeschränkt vorstellen. Während 40 Prozent unter bestimmten Rahmenbedingungen dazu bereit wären, sprechen sich 43 Prozent grundsätzlich gegen Führungsverantwortung aus. Als wesentliche Beweggründe gelten eine hohe Arbeitsbelastung mit 77 Prozent, die ausgeprägte Verantwortung mit 75 Prozent sowie eine unzureichende Vereinbarkeit mit 73 Prozent. Fehlende finanzielle Anreize nennen 48 Prozent der Befragten. Vor allem für die Immobilienwirtschaft birgt dies erhebliche Risiken, da sich bereits 62,1 Prozent der befragten Immobilienverwaltungsunternehmen als überlastet einstufen.
Gleichsetzung von Fachkompetenz und Personalverantwortung
Julian, Gründer und Immobilienexperte bei IMMOcareer, warnt vor der Praxis, Spitzenleistungen im operativen Bereich reflexartig mit Leitungsfunktionen zu verknüpfen. Ein profilierter Asset Manager, Projektentwickler oder Verwalter bringe nicht zwangsläufig die Qualitäten einer Führungskraft mit. Wer Fachkräfte ausschließlich über Beförderungen belohne, riskiere den Verlust unverzichtbarer Spezialisten, ohne im Gegenzug kompetente Führung zu gewinnen.
Verstärkt wird die Problematik durch finanzielle Fehlanreize. Eine Modellrechnung der Analyse illustriert dies anhand einer Fachkraft mit einem bisherigen Jahreseinkommen von 65.000 Euro bei einer 40-Stunden-Woche: Steigt die Vergütung nach einer Beförderung zur Teamleitung auf 80.000 Euro, erhöht sich das Bruttojahresgehalt zwar um 23,1 Prozent. Wächst die tatsächliche Arbeitszeit dabei jedoch auf 50 Wochenstunden an, sinkt der rechnerische Bruttostundenlohn um 1,5 Prozent.
Perspektiven für die Arbeitswelt bis 2030
Lara, Gründerin und Personalexpertin bei IMMOcareer, fordert alternative Entwicklungswege, bei denen fachliche Exzellenz dieselbe Anerkennung und Vergütung erfährt wie Personalverantwortung. Für den Zeitraum von 2027 bis 2030 skizziert die Studie drei qualitative Szenarien:
- —Verschärfung der Führungskrise durch das Festhalten an starren Hierarchien, was zu Fehlbesetzungen, Überlastung und Expertenabwanderung führt.
- —Künstliche Intelligenz als Brandbeschleuniger: Trotz der Einschätzung von 96 Prozent der Immobilienunternehmen, dass KI binnen fünf Jahren geschäftsrelevant wird, droht die Technologie lediglich den Leistungsdruck zu erhöhen, anstatt Entlastung zu schaffen.
- —Neuausrichtung der Karrieremodelle durch die Gleichwertigkeit von Fach- und Führungslaufbahnen, flexible Leitungsstrukturen und den gezielten Einsatz von Automatisierung für Routineaufgaben.
Die Personalberatung plädiert daher für einen strukturellen Kurswechsel. Immobilienunternehmen müssen Führungsaufgaben künftig trennschärfer von rein fachlichen Leistungen abgrenzen — durch eigenständige Fachkarrieren, transparente Vergütungsmodelle, definierte Entscheidungskompetenzen und eine wirksame operative Entlastung.














