Am 30. September 2026 versammelten sich circa 100 Vertreter aus den Bereichen Wohnungswirtschaft, Wissenschaft, Politik und Quartiersarbeit zur zweiten Fachtagung „Quartiere der Zukunft – Von Überforderung zu Resilienz“ im EBZ – Europäischen Bildungszentrum der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft in Bochum. Die Veranstaltung, organisiert von InWIS, der EBZ Akademie, dem GdW und dem VdW Rheinland Westfalen, fokussierte die Frage, wie Quartiere angesichts wachsender sozialer, demografischer und infrastruktureller Herausforderungen stabil und lebenswert bleiben können. Die Diskussionen und Erkenntnisse des Tages mündeten in den „Bochumer Impuls 2026“.
Bereits die Grußworte unterstrichen die Komplexität einer resilienten Quartiersentwicklung. Klaus Leuchtmann, Vorstandsvorsitzender des EBZ, verwies auf die unmittelbaren Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen in den Quartieren und betonte die Notwendigkeit von Forschung, Daten und neuen Kompetenzen für proaktives Handeln. Dr. Christian Lieberknecht, GdW-Vorstand, hob hervor, dass soziale Fragen in den letzten Jahren gegenüber Klimaschutz und Energieeffizienz in den Hintergrund getreten sind und wieder stärker in den Fokus rücken müssten. Alexander Rychter, Verbandsdirektor des VdW Rheinland Westfalen, unterstrich die Relevanz einer aktiven Wohnungs- und Stadtentwicklungspolitik und ordnete soziale Resilienz in ein umfassenderes Verständnis widerstandsfähiger Quartiere ein. Der gemeinsame Tenor besagt, dass Quartiersentwicklung, basierend auf Wissen, Kooperation und tragfähigen Strukturen, von einer reaktiven zu einer vorausschauenden Herangehensweise übergehen muss.
Faktoren und Strukturen resilienter Quartiere
David Orr CBE, Vorsitzender des Clarion Housing Association Board, setzte einen internationalen Impuls, indem er in seiner Keynote die „5 Giants“ – Verbundenheit, Resilienz, Genügsamkeit, Vertrauen und Gesundheit – als Orientierungspunkte für ein neues Verständnis von Wohnen und Gemeinschaft vorstellte. Er führte aus, dass globale Herausforderungen wie soziale Ungleichheit, Einsamkeit, demografischer Wandel und Wohnraummangel sich im Quartier als lokale Realität manifestieren. Daher sei es essenziell, Resilienz nicht erst in Krisensituationen aufzubauen, sondern präventiv durch starke Beziehungen, verlässliche Strukturen und die aktive Einbindung der Bewohner zu fördern.
Almuth Draeger, Referatsleiterin für Soziale Stadtentwicklung im Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen, adressierte die politischen Rahmenbedingungen. Sie erläuterte, dass Resilienz im Quartier funktionale, soziale und bauliche Aspekte umfasst. Eine Nutzungsmischung kann Abhängigkeiten reduzieren und die Anpassungsfähigkeit stärken, während Begegnungsorte, Netzwerke und Beteiligung den sozialen Zusammenhalt fördern. Anpassungsfähige Gebäude sowie öffentliche und soziale Infrastrukturen sichern die langfristige Funktionsfähigkeit eines Quartiers. Die Städtebauförderung kann in diesem Kontext wichtige Impulse liefern.
Prof. Dr. Torsten Bölting, Geschäftsführer von InWIS, und Dr. Oliver Gewand, GdW-Referatsleiter Stadtentwicklung, Wohnungsbau und Raumordnung, lieferten mit elf Thesen einen fachlichen Rahmen. Sie stellten fest, dass die Überforderung eines Quartiers nicht von der einzelnen Belastung, sondern vom Verhältnis zwischen Herausforderungen und Ressourcen abhängt. Wesentlich sind funktionierende soziale Infrastrukturen, engagierte Akteure, belastbare Netzwerke und handlungsfähige Verwaltungen, Wohnungsunternehmen sowie soziale Träger. Für eine professionelle Quartiersarbeit sind soziale und kommunikative Kompetenzen, Projektmanagement, strategisches Denken, Beteiligung und Netzwerkarbeit unerlässlich. Gut ausgebildete Quartiersmanager und Sozialberater spielen eine zentrale Rolle bei der Früherkennung sozialer Problemlagen, der Begleitung von Beteiligungsprozessen und der Vernetzung von Unterstützungsstrukturen. Resiliente Quartiere entstehen demzufolge durch tragfähige Kooperationen statt durch einzelne Akteure.
Praxisrelevante Anwendungen und politischer Handlungsauftrag
Vier Panels beleuchteten die Breite der Resilienz im Quartier, darunter Themen wie Einsamkeit bei unterschiedlichen Altersgruppen, die Ansprache migrantischer Milieus, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Demokratieförderung und die Digitalisierung als Versorgungsschlüssel. Wissenschaftliche Perspektiven wurden mit praktischen Erfahrungen verknüpft. Ein Dialogforum brachte Wissenschaft, Politik und Praxis zusammen, um über Instrumente und Daten zur Förderung resilienter Quartiere zu diskutieren. Dabei wurde betont, dass erfolgreiche Ansätze sichtbarer und übertragbar gemacht werden müssen und Quartiersarbeit Wirkungsnachweise benötigt, um ihren Nutzen gegenüber Politik, Kommunen und Fördergebern abzusichern.
In drei Quartierswerkstätten entwickelten die Teilnehmenden konkrete Ansätze zur besseren Erreichbarkeit von Genossenschaftsmitgliedern, zur Organisation der Zusammenarbeit zwischen Wohnungsunternehmen, Kommunen und sozialen Trägern sowie zur Förderung von Begegnungen im Quartier. Die Ergebnisse des Tages wurden im „Bochumer Impuls 2026“ zusammengefasst und an Vertreter des Bundestages und des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen überreicht. Dieser Impuls formuliert konkrete Forderungen an die Bundespolitik, darunter die frühere Erkennung von Belastungen in Quartieren, die Schaffung verlässlicher Förder- und Kooperationsstrukturen, die Stärkung sozialer Infrastruktur und des Ehrenamtes sowie die Ermöglichung einer vorausschauenden Belegungspolitik.














