Die wirtschaftlichen Perspektiven für Europa sowie die Erwartungen an die Unternehmensgewinne haben sich signifikant verbessert. Das Analystenteam von J.P. Morgan Asset Management antizipiert nach einer Phase robuster Entwicklung ein Gewinnwachstum von bis zu 15 Prozent für das Jahr 2026. Seit Jahresbeginn wurden die Prognosen durch Analysten bereits nach oben korrigiert. Ein wesentlicher Teil dieser Aufwärtsbewegungen ist im Energiesektor zu verzeichnen, jedoch zeigen auch die Sektoren Investitionsgüter, Versorger, Halbleiter und Banken höhere Schätzungen. Michael Barakos, Portfolio-Manager für europäische Aktien in der International Equity Group von J.P. Morgan Asset Management, erläuterte, dass diese Entwicklung einen breit angelegten Aufwärtstrend in den Gewinnprognosen verdeutlicht.
Die primären Ursachen für die verbesserten Gewinnaussichten liegen nach Einschätzung von Herrn Barakos maßgeblich in der Politik. Er führte aus, dass Faktoren, die Europa zuvor wirtschaftlichen Gegenwind bescherten, nun unterstützend wirken. Europa befinde sich in einer anhaltenden Phase fiskalischer Expansion, welche die Binnennachfrage voraussichtlich stärken werde. Die europäischen Fiskalregeln wurden ebenso wie das regulatorische Umfeld einer grundlegenden Neuausrichtung unterzogen. Der Fokus der Regulierung liege nun auf der Wettbewerbsfähigkeit, wie sich beispielsweise im Telekommunikationsmarkt der nordischen Länder zeige, wo eine Konsolidierung zur Margenverbesserung beitragen könnte. Als weitere Faktoren für mittelfristigen Rückenwind nannte Herr Barakos fiskalische Impulse, den Ausbau der KI-Infrastruktur und solide Finanzierungsbedingungen.
Europas Positionierung und Potenzial der Telekommunikation
Europäische Unternehmen sind gut aufgestellt, um Erträge in jenen Bereichen zu generieren, in denen künstliche Intelligenz auf reale Anwendungen trifft, etwa in der Energie- und Netzausrüstung oder bei der Fabrikautomation. Sollte die Entwicklung der KI die Erwartungen nicht erfüllen, wäre Europa laut Barakos weniger stark betroffen, da seine Benchmarks eine geringere Konzentration an reinen KI-Unternehmen aufweisen. Sollte sich KI hingegen als transformativ erweisen, dürfte Europa ebenfalls profitieren. In Verbindung mit den erwarteten höheren Staatsausgaben positioniert sich Europa als eine der wenigen großen Aktienregionen mit einer Wachstumsstory, die nicht primär von KI abhängt.
Der Telekommunikationssektor zeigt nach einem Jahrzehnt der Underperformance einen Wendepunkt, da das Wachstum der Dienstleistungsumsätze wieder positiv ist. Aus Sicht von Herrn Barakos verbinden europäische Telekommunikationsunternehmen defensive Eigenschaften mit verbesserten Fundamentaldaten. Nach einem Jahrzehnt geprägt von Umsatzdruck, hohen Investitionen in Glasfaser- und 5G-Netze sowie phasenweise intensivem Wettbewerb, begünstigen nun Inflation und Marktstrukturveränderungen Preiserhöhungen. Betreiber setzen zunehmend auf 'Wert statt Volumen' und priorisieren Rentabilität über Netto-Neukundenzuwächse. Herr Barakos erklärte, dass der Investment Case für europäische Telekommunikationsunternehmen auf einer Kombination aus Preisdisziplin, einem absehbareren Rückgang der Investitionsausgaben und schrittweisen Kostensenkungen basiert.
Ein Vergleich mit den USA offenbart Potenzial für höhere Preise in Europa: Anbieter in der EU erzielen durchschnittlich 16 Euro Umsatz pro Nutzer, während US-Anbieter 44 Euro erreichen. Dies ermöglicht europäischen Anbietern in geeigneten Märten Preisanpassungen nach dem Prinzip 'Mehr für mehr'. In Deutschland sind die Wettbewerbstrends zwar heterogen, doch steigende Festnetzpreise und eine verbesserte operative Umsetzung bei der Deutschen Telekom tragen zu einer Aufhellung der Aussichten bei. Die Diskussion über Investitionen verlagert sich laut Herrn Barakos zunehmend von der Frage des Umfangs auf die Geschwindigkeit der Normalisierung der Ausgaben, ohne die Wettbewerbsdynamik zu beeinträchtigen. Die Investitionsausgaben des Sektors, die 2021 mit 18,8 Prozent des Umsatzes ihren Höhepunkt erreichten, sollen bis 2028 auf 16,2 Prozent sinken. Für den freien Cashflow erwartet J.P. Morgan Asset Management von 2025 bis 2028 ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 7,5 Prozent. Ab 2026/27 wird der Glasfaserausbau bis ins Haus weitgehend abgeschlossen sein, und etablierte Anbieter wie Orange, KPN und BT stellen ab diesem Zeitpunkt geringere Investitionen in Aussicht. Zusätzlich ermöglichen KI-gestützte Kostensenkungen, etwa im Kundenservice und Netzbetrieb, weiteren Spielraum. Fusionen könnten die Marktstruktur und Rentabilität verbessern, sofern regulatorische und umsetzungsbedingte Risiken überwunden werden.
Bewertung und Wachstumsperspektiven
An der Börse hat die Rally des Sektors jüngst an Dynamik verloren, da Anleger nach der Outperformance der vergangenen zwei Jahre Gewinne realisierten. Die Bewertungen erscheinen Herrn Barakos zufolge nun ausgewogener. Der Sektor wird nach einigen Kennzahlen mit einem Abschlag zum Gesamtmarkt gehandelt, jedoch liegt das Verhältnis von Unternehmenswert zu Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EV/EBITDA) über dem historischen Durchschnitt. Die Renditen werden sich daher laut Herrn Barakos eher aus der erfolgreichen Umsetzung der Unternehmensziele speisen als allein aus steigenden Bewertungsmultiplikatoren. Auf gesamteuropäischer Ebene werden Europa-Aktien in den meisten Sektoren mit einem Bewertungsabschlag gegenüber US-Aktien gehandelt. Herr Barakos betonte, dass die Bewertungen in Europa auch auf absoluter Basis nicht überzogen sind. Als Beispiel nannte er den europäischen Bankensektor, der in den letzten fünf Jahren die US-Aktien der „Magnificent Seven“ übertroffen hat, wobei viele Kreditinstitute weiterhin zu moderaten Bewertungskennzahlen gehandelt werden. Entscheidend für eine Reduzierung des Bewertungsabschlags zwischen Europa und den USA sei eine anhaltende fundamentale Verbesserung.














