Die andauernde Debatte über eine Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände in Berlin verschärft nach Einschätzung des Kreditversicherers Atradius die Risiken für den regionalen Bau- und Immobilienmarkt. Die auf dem Volksentscheid von 2021 basierenden Überlegungen, größere Bestände an Wohneigentum in öffentliche Hand zu überführen, führen bei Kapitalgebern und Projektbeteiligten zu spürbarer Zurückhaltung. Nach Auffassung von David Engelhardt, Manager Risk Services bei Atradius, löst ein Eigentümerwechsel die strukturelle Wohnungsnot nicht, da dadurch kein zusätzlicher Wohnraum geschaffen werde. Auch an der im europäischen Vergleich niedrigen Eigentumsquote in Deutschland ändere dieser Schritt nichts.
Für den ohnehin geschwächten Wohnungsbau stellt die politische Verunsicherung einen weiteren Belastungsfaktor dar. Werden Eigentumsrechte sowie langfristige Investitionssicherheiten infrage gestellt, reagieren Marktteilnehmer mit Zurückhaltung. Dies droht die angespannte Finanzierungssituation weiter zu verschärfen und vergrößert die Lücke im dringend benötigten Neubau.
Rückläufige Fertigstellungen und wachsender Bauüberhang
Die Situation trifft die Baubranche in einer tiefen Krise. Im Jahr 2025 wurden bundesweit zwar 238.500 Baugenehmigungen erteilt, die Zahl der tatsächlichen Fertigstellungen sank jedoch auf 206.600 Einheiten — den niedrigsten Stand seit 2012. Für das laufende Jahr wird mit einem weiteren Rückgang auf etwa 185.000 Wohnungen gerechnet, womit das Ziel der Bundesregierung von 400.000 jährlichen Neubauten weiterhin drastisch verfehlt wird. Zugleich hat sich die durchschnittliche Zeitspanne von der Genehmigung bis zur Fertigstellung seit 2020 um etwa sieben Monate auf nunmehr rund 27 Monate ausgedehnt. Ende 2025 lag der Überhang genehmigter, aber noch nicht fertiggestellter Wohnungen bei rund 760.700 Einheiten.
- —Stark gestiegene Baukosten und Zinsen als wesentliche Hemmnisse
- —Anhaltender Mangel an Fachkräften und spürbar längere Planungszeiten
- —Bürokratische Hürden, komplexe Genehmigungsverfahren und anspruchsvolle Baustandards
Erhöhte Ausfallrisiken entlang der Lieferkette
Vor diesem Hintergrund fordert der Kreditversicherer verlässlichere Rahmenbedingungen und eine Entschlackung der Bauprozesse. Aufgrund der restriktiveren Kreditvergabe und der stockenden Bautätigkeit prüft Atradius Forderungen von Bauunternehmen, Handwerksbetrieben und Lieferanten derzeit mit erhöhter Vorsicht. Gleichzeitig verzeichnet das Unternehmen eine ungebrochen hohe Nachfrage nach Bürgschaften und Kautionsversicherungen, um betriebliche Liquidität abzusichern und vertragliche Sicherheitseinbehalte abzulösen.
David Engelhardt warnt davor, dass die Berliner Auseinandersetzung das Vertrauen in den Wirtschaftsstandort nachhaltig beschädigen kann. Ein stabiler Rechtsrahmen bilde das Fundament für private Investitionen. Fehle dieser Rückhalt, wüchsen die Risiken von Projektverzögerungen, Zahlungsausfällen und Insolvenzen in der Lieferkette. Bereits jetzt registriert Atradius einen deutlichen Anstieg bei den Schadensummen baubezogener Insolvenzen, was auf wachsende wirtschaftliche Schieflagen auch bei größeren Marktteilnehmern hinweist.














